Zwei Monate, die über zwanzig Jahre wurden
Ich wollte mir die Firma zwei Monate anschauen. Es wurden über zwanzig Jahre.
Mein Name ist Christoph Nüchel. Ich bin seit dem Jahr 2000 Unternehmer. Über zwanzig Jahre lang habe ich die Billhardt Industriebürsten GmbH geführt, eine eigene Fertigungsmaschine entwickelt und das Unternehmen 2021 verkauft. Eine Ausbildung oder ein Studium hatte ich dafür nicht. Ich habe mir alles selbst beigebracht, mit vielen Entscheidungen aus dem Bauch und einigen teuren Fehlern.
Hier schreibe ich über das, was mich diese Jahre gelehrt haben: Vertrauen, Verbindlichkeit, Seriosität und den Mut, in jedem Alter neu anzufangen. Meine Mission ist einfach. Ich will weitergeben, was ich gelernt habe, damit andere meine Fehler nicht wiederholen müssen. Und ich will zeigen, dass man ein Geschäft ehrlich, unaufgeregt und mit unternehmerischem Verstand aufbauen kann.
Dieser erste Beitrag erzählt, wie alles anfing.
Im Jahr 2000 hatte der Mann meiner Mutter, den ich bis heute meinen Vater nenne, eine kleine Bürstenfabrik. Zwei Mann in der Produktion, mehr Handel als eigene Ware. Seine Söhne gingen andere Wege. Und weil ich offensichtlich ein technisches Verständnis hatte, wurde ich gefragt, ob ich die Firma nicht übernehmen wolle.
Ich hatte kein Interesse. Eine Bürstenfirma klang für mich nicht besonders sexy. Aber direkt absagen wollte ich auch nicht. Also habe ich gesagt: Ich schau mir den Laden mal zwei Monate an.
Steinzeit
Was ich vorfand, war Chaos. Und ich bin jemand, der Struktur und Ordnung braucht.
Das Büro war ein Ein-Mann-Büro, und dieser eine Mann war mein Vater. Rechnungen wurden auf einem alten Drucker auf Endlospapier geschrieben. Arbeitszettel füllte man von Hand aus und legte sie nach Nummer in einen Ordner, damit man sie wiederfand, wenn ein Kunde dieselbe Bürste ein zweites Mal bestellte. Für mich war das Steinzeit.
In der Fertigung sah es ähnlich aus. Veraltete Maschinen. Und ein riesiges Lager, in dem Bürsten lagen, die seit zehn Jahren niemand angefasst hatte.
Nach zwei Tagen war es klar
Nach zwei Tagen stand für mich fest: Wenn ich das hier mache, fliegt der Handel raus.
Ich bin ein Scheidungskind. Seit ich sieben war, habe ich meine Entscheidungen selbst getroffen und die Verantwortung dafür getragen. Ich war es nicht gewohnt, diese Verantwortung an fremde Menschen abzugeben. Und genau das ist Handel: Du bist darauf angewiesen, dass andere pünktlich liefern und dass ihre Qualität in zwei Jahren noch dieselbe ist wie heute. Das hat mich innerlich abgestoßen.
Also wollte ich die kleine Produktion Stück für Stück so ausbauen, dass wir den Handel gar nicht mehr brauchen.
Erklären konnte ich das damals nicht. Ich bin kein Zahlenmensch, nicht im Geringsten. Ich entscheide aus dem Bauch. Diese Entscheidung war eine der ersten und eine der wichtigsten.
Anderthalb Container
Aufräumen bedeutete in diesem Fall: wegwerfen. Sehr viel wegwerfen.
Ich habe mir extra einen Container kommen lassen, weil die Bürsten Gewicht hatten und in keine normale Mülltonne passten. Am Ende waren es anderthalb Container.
Vorher habe ich einen Mann ausfindig gemacht, der auf Märkten alle möglichen Bürsten verkaufte. Ich habe ihn gebeten vorbeizukommen und sich herauszusuchen, was er noch verkaufen konnte. Das habe ich ihm geschenkt, und es wanderte in seinen Kofferraum. Ein paar Sachen konnten wir selbst noch verkaufen, aber das war ein verschwindend kleiner Teil.
Mein Vater hat die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Er ist in einen der Container geklettert und hat immer wieder Dinge herausgeholt, in seinen Kofferraum gelegt und mit nach Hause genommen. Ein Teil davon liegt bis heute bei ihm im Keller.
Verstanden hat er den Schritt am Anfang überhaupt nicht. Dass er richtig war, hat er dann aber ziemlich schnell gesehen.
Allein gelassen
Kurz darauf fuhr mein Vater mit meiner Mutter in den Urlaub. Und ließ mich allein.
Auf einmal hatte ich sämtliche Telefonate am Hals. Ich musste die handschriftlichen Zettel heraussuchen, was jedes Mal Stunden dauerte. Abends habe ich auf dem uralten Drucker die Rechnungen geschrieben. Am nächsten Morgen, bevor alles losging, habe ich die Briefe zur Post gefahren.
Ich habe ihn dafür gehasst. Heute weiß ich, dass er genau das getan hat, um mir zu helfen.
Das Büro hat mir am meisten Angst gemacht. Ich bin eher der Handwerker. Aber weil ich es allein machen musste und es am Ende auch gemeistert habe, mit allen Fehlern, die dazugehören, wuchs auch ein Stolz.
Kein bestimmter Moment
Wann war klar, dass ich bleibe? Einen bestimmten Moment gab es nicht.
Ich war viel hinten in der Produktion, bei den zwei Mitarbeitern. Ich habe sie kennengelernt und mit ihnen zusammengearbeitet. Dadurch haben sie mich nicht als typischen Chef wahrgenommen. Und es hat sehr schnell angefangen, Spaß zu machen.
Ich bin einfach hineingewachsen. Aus der Übernahmephase habe ich nie ein Ende gefunden.
Was ich daraus mitgenommen habe
Nicht jede Bauchentscheidung war richtig. Meine größten Fehler habe ich in der Personalführung gemacht. Mal war ich zu nah dran, mal zu distanziert. Mal zu nett, dann wieder zu direkt, und in manchen Momenten auch laut. Darüber schreibe ich an anderer Stelle ausführlicher.
Aber die erste große Entscheidung, den Handel rauszuwerfen und auf die eigene Produktion zu setzen, war richtig. Auf ihr ist alles aufgebaut, was danach kam.
Manche der wichtigsten Wege beginnen mit einem halbherzigen Ja. Entscheidend ist nicht, wie überzeugt du anfängst. Sondern was du daraus machst, wenn du einmal angefangen hast.