Das schwarze Notizbuch

Die Maschine, die ich brauchte, gab es nicht.

Das wurde mir in meinen ersten Jahren in der Bürstenfabrik schnell klar. Unsere Kunden verlangten etwas, das mit den vorhandenen Maschinen schlicht unmöglich war.

Ein Blatt Papier

Unsere Bürsten mussten im Durchmesser auf plus minus 0,1 Millimeter genau sein. Das ist ungefähr die Dicke eines Blatts Papier.

Der Grund: Mit unseren Bürsten wurden Bohrungen auf ihr exaktes Maß geschliffen. War die Bürste ungenau, war es die Bohrung auch.

Wir lieferten hauptsächlich an die Automobilbranche, und dort sind die Anforderungen bekanntlich hoch. Jede Lieferung ging durch eine Eingangskontrolle. Wenn du 5.000 Bürsten geliefert hast und dort eine einzige gefunden wurde, die nicht in der Toleranz lag, kamen alle 5.000 zurück. Das durfte nicht oft passieren. Sonst warst du als Lieferant draußen.

Nächte in der Produktion

Also habe ich nächtelang allein hinten in der Produktion gesessen. Ich hatte mir eine kleine Schleifmaschine umgebaut und habe unsere Bürsten damit von Hand nachgearbeitet. Feilen, messen. Reicht nicht. Wieder feilen, wieder messen. So lange, bis die Bürste im Toleranzfenster lag.

Um überhaupt messen zu können, ob eine Bürste diese 0,1 Millimeter einhält, musste ich mir zuerst eine eigene Schablone bauen. Eine Schablone, die genauer war als alles, was ich vorher in der Hand hatte.

Irgendwann war mir klar: So kann ich kein Geschäft aufbauen. Und so kann ich auch nicht monatelang weitermachen.

Die Idee einer neuen Maschine war keine Vision. Sie war eine Notlösung.

Zehn Monate, rund um die Uhr

Ich habe mir ein kleines schwarzes Notizbuch gekauft. Einen fertigen Plan hatte ich nicht. Aber ich wusste ganz genau, was die Maschine können musste.

Dieses Notizbuch hatte ich rund um die Uhr bei mir. Morgens lag es beim Frühstück neben mir, mittags beim Essen auf dem Tisch, nachts neben dem Bett. Viele Ideen kamen beim Einschlafen oder mitten in der Nacht. Jede Anforderung, jedes Detail, jede Idee kam hinein. Ich schätze, etwa zehn Monate lang.

Irgendwann hatte ich die fertige Maschine im Kopf.

Das Notizbuch selbst gibt es heute nicht mehr. Ich gehöre zu den Menschen, die nichts aufheben. Mein Leben muss in drei Umzugskartons passen, habe ich immer gesagt. Meine Frau verflucht mich dafür, dass ich so viel wegwerfe. Aber für mich fühlt sich das nach Freiheit an.

Alte Schule aus dem Schwarzwald

Bauen konnte ich die Maschine nicht allein. Ich brauchte Hilfe.

Also bin ich mit meinem Notizbuch zu dem Maschinenbauer gefahren, der schon unsere bisherigen Maschinen gebaut hatte. Ein familiengeführtes Unternehmen aus dem Schwarzwald, so wie meine Firma auch. Freundlich, zuvorkommend, alte Schule. Den Kontakt hatte ich schon vorher sehr gepflegt.

Ich habe ihnen meine Idee erzählt und höflich gefragt, ob sie Lust hätten, mit mir einen Prototyp zu bauen. Sie hatten Lust.

Das Risiko habe ich getragen. Bedenken hatte ich keine. Ich war überzeugt, dass wir gemeinsam eine Maschine auf die Beine stellen, die funktioniert. Während sie gebaut wurde, habe ich sehr viel Zeit vor Ort verbracht. Es war eine spannende Zeit und eine tolle Zeit.

Zwei Maschinen statt einer

Der erste Prototyp war schon recht gut. Er hatte nur einen kleinen Fehler, und genau der hat verhindert, dass wir die Toleranz so einhalten konnten, wie wir es brauchten.

Also haben wir eine zweite Maschine gebaut, ohne diesen Fehler. Den ersten Prototyp haben wir trotzdem behalten und für Bürsten eingesetzt, bei denen es nicht ganz so genau sein musste.

Er lief fast bis zum Schluss. Erst etwa ein Jahr vor dem Verkauf der Firma haben wir ihn in Rente geschickt. Danach diente er uns als Ersatzteillager.

Der Durchbruch

Mit der neuen Maschine konnten wir die Mengen herstellen, die der Markt verlangte, und zwar in der Genauigkeit, die er verlangte. Die Reklamationen gingen deutlich zurück. Unsere Kunden waren zufrieden. Und daraus sind tiefe, langfristige Kundenbeziehungen entstanden.

Ich bin fest überzeugt: Das war unser Durchbruch. Danach ging alles los. Aus zwei Leuten in der Produktion wurden zwanzig.

Die Maschinen wurden über die Jahre immer weiterentwickelt. Wie viele am Ende in einer Reihe in unserer Fertigung standen, weiß ich gar nicht mehr genau. Aber das Grundprinzip ist bis heute dasselbe wie in meinem schwarzen Notizbuch.

Was ich daraus mitgenommen habe

Dieser Prototyp ist der Moment, auf den ich als Unternehmer am meisten stolz bin. Es sind genau solche Momente, die mich wachsen lassen. Sie haben mich zu einem richtigen Unternehmer gemacht.

Ich habe damals gelernt: Du musst nicht alles selbst können. Aber du musst sehr genau wissen, was fehlt, und es so klar beschreiben können, dass andere es mit dir bauen wollen.

Und manchmal entsteht das Beste nicht aus einer großen Idee, sondern aus der Einsicht, dass es so nicht weitergeht.

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Zwei Monate, die über zwanzig Jahre wurden