Schwedisch Lappland, März 2021
Der Anruf kam, als wir mit dem Weltreisemobil in Spanien standen, in der Tabernas, einer kleinen Halbwüste im Süden. Der Verkauf war durch. Die Firma, die ich über 20 Jahre geführt hatte, gehörte jetzt jemand anderem.
Ich bin nicht aus dem Fahrzeug gesprungen, und ich habe nicht gejubelt. Wer mich in dem Moment gesehen hätte, hätte mir nichts angemerkt. Ich hatte auch kein Bedürfnis, irgendwie zu reagieren. Was ich gespürt habe, war vor allem Erleichterung. Sie war so groß, dass sie sogar die Freude überlagert hat.
Ein Verkauf mit vielen Umwegen
Der Verkauf war von Anfang an kompliziert. Es war mitten in der Corona-Zeit, und wir mussten zusätzlich einen Investor finden. Kaum etwas hat so geklappt, wie wir es uns vorgestellt hatten. Bei jedem Schritt mussten wir einen, zwei, drei Umwege gehen. Als es endlich geschafft war, war diese Last von meinen Schultern. Ein langer Weg war am Ziel.
Der Moment im Besprechungsraum
Wochen vorher hatte ich meine Mitarbeiter in den Besprechungsraum gerufen. Ich habe ihnen gesagt, dass ich die Firma abgebe und dass sie einen neuen Chef bekommen.
Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Manche haben sich zurückgezogen und gar nichts gesagt. Andere waren den Tränen nahe. Ich habe die Firma immer als Familie gesehen, mir lag etwas daran, dass es meinen Leuten gut geht. Nicht jeder hat das so empfunden, und das ist völlig in Ordnung. Aber wer mich lange begleitet hatte, war sehr berührt.
Für mich war es eine bewusste und klare Entscheidung, und genau so habe ich sie auch gesagt. Danach bin ich gegangen und habe sie erst einmal damit stehen lassen. In den Tagen danach gab es viele Gespräche, in der Halle und vorne bei mir im Büro. Am Ende hat es jeder verstanden. Den Nachfolger kannten sie, er arbeitete schon in der Firma. Trotzdem fühlt sich jede Veränderung erst einmal schlecht an.
Zwei Jahre Begleitung waren geplant
Nach dem Verkauf sollte ich noch zwei Jahre in der Firma präsent sein. Alles übergeben, alles zeigen, gemeinsam mit meinem Nachfolger zu unseren Kunden fahren und ihn vorstellen. So stellt man sich eine vernünftige Übergabe vor.
Wir waren damals in Etappen unterwegs. Wir machten zeitlich begrenzte Reisen und danach ging ich ganz normal wieder in die Firma. In der Zeit wurde das Mobil geleert, umgebaut oder kam in die Werkstatt.
Mein Nachfolger merkte schnell etwas. Wenn ich weg war, schauten die Leute auf ihn. Sobald ich wieder in der Halle stand, im Büro saß oder einfach nur da war, wurde er anders wahrgenommen. Das lag nicht an ihm. Wer über 20 Jahre einen Chef hatte, schaut auf diesen Chef.
Was mein Vater mir damals gegeben hat
Ich kannte das von der anderen Seite. Als ich mit 27 die Firma übernommen habe, war mein Vater von einem Tag auf den anderen nicht mehr da. Ich habe das damals nicht verstanden und ihn innerlich dafür verflucht. Aber genau dadurch war ich Chef. Nicht der Nachfolger, nicht der kleine Junge neben dem großen alten Chef.
Im März 2021, mit dem Mobil im verschneiten Schwedisch Lappland, haben mein Nachfolger und ich telefoniert und die zwei Jahre gemeinsam gestrichen. Leicht war das nicht, und nicht alles lief danach so, wie wir es geplant hatten.
Wie rausgerissen
Für die Firma war die Übergabe fließend. Der Nachfolger war schon lange da, und vorne saß ein Mitarbeiter, der die Firma seit Jahren gut führte. Ich habe noch die eine oder andere E-Mail beantwortet und ab und zu ein Angebot überarbeitet. An der eigentlichen Arbeit war ich ab diesem Moment nicht mehr beteiligt. Von einem Tag auf den anderen, völlig ungeplant.
Das war eine Erleichterung, aber auch ein komisches Gefühl. Ich konnte mich nicht so verabschieden, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Es war ein Stück weit, als wäre ich rausgerissen worden. In dem Moment habe ich das kaum wahrgenommen, weil die Erleichterung alles überlagert hat. Erst im Nachhinein wurde mir klar, was gefehlt hat. Dass man mir das später vorgeworfen hat, kann ich gut verstehen.
Was bleibt
Eine Übergabe ist nicht fertig, wenn der Vertrag unterschrieben ist. Sie ist fertig, wenn der alte Chef den Raum verlässt. Solange er da ist, schauen die Leute auf ihn, ob er das will oder nicht.
Etwas zu beenden ist genauso eine Entscheidung wie etwas anzufangen. Ich habe meine Firma bewusst abgegeben. Wie das Ende dann aussah, hatte ich nicht ganz in der Hand.
Wer schon einmal etwas übergeben hat, kennt vielleicht beides: die Erleichterung und das Gefühl, dass etwas fehlt. Wie war das bei dir?