Fertigungshalle
Ich brauchte vier Leute für das Wochenende. Gemeldet haben sich neun. Und am Samstag standen alle neun in der Halle. Dabei ging es nur darum, einen Fehler auszubügeln. Meinen Fehler.
Ein falscher Zettel
Es war im Sommer 2019. Ein großer Automobilzulieferer brauchte kleine Bürsten, 9,8 Millimeter im Durchmesser, zum Schleifen einer Querbohrung. Der Auftrag kam nicht direkt von ihm, sondern über unseren Kunden, eine andere Bürstenfabrik. Mehrere tausend Stück.
Gefertigt wurden sie auch, nur falsch. Ich hatte den Produktionszettel falsch erstellt. Kein Mitarbeiter hatte etwas falsch gemacht, die Maschinen auch nicht. Der Fehler lag bei mir.
Unser Kunde war nicht erfreut, und das zu Recht. Am Montag mussten die richtigen Bürsten per Express beim Endkunden sein. Es blieb nur das Wochenende.
Vier gebraucht, neun gekommen
Ich habe alle in den Besprechungsraum gerufen und ihnen gesagt, wie es war. Dass ich einen Fehler gemacht habe. Dass der Kunde nicht erfreut ist. Dass wir am Montag unbedingt liefern müssen. Dann habe ich gefragt, wer am Samstag und Sonntag arbeiten kann.
Ich brauchte vier. Gemeldet haben sich neun. Und am Wochenende standen alle neun in der Halle.
Ein Wochenende in der Halle
Ich habe das ganze Wochenende mitgearbeitet. Mittags habe ich Pizza geholt. Am Montag gingen die Bürsten per Express raus und kamen pünktlich an.
Einen Fehler zuzugeben ist mir nie schwergefallen. Für mich gehört das einfach dazu, wenn man Verantwortung trägt. An diesem Wochenende habe ich gesehen, was es zurückbringt: Leute, die ihr Wort halten, wenn es darauf ankommt.
Warum der Endkunde nichts gemerkt hat
Dass die Bürsten pünktlich ankamen, lag nicht nur an den neun Leuten in der Halle. Es lag auch an Vertrauen zwischen zwei Firmen.
Unser Kunde, die andere Bürstenfabrik, hat uns seine Etiketten geschickt. So konnten wir die Bürsten direkt an den Endkunden liefern, ohne Umweg über ihn. Das spart einen ganzen Tag.
Das ging nur, weil unser Kunde wusste, dass wir seinen Endkunden niemals direkt kontaktieren würden. Wir hatten die Adresse, die Ware und die Etiketten. Wir hätten uns dort bekannt machen können. Er wusste, dass wir es nicht tun.
Der Endkunde hat, wie immer, nichts gemerkt.
Was ich daraus mitnehme
Verbindlichkeit fängt nicht bei den Mitarbeitern an. Sie fängt bei dem an, der den Fehler gemacht hat. Wer offen sagt, was schiefgelaufen ist, und selbst mit anpackt, bekommt Leute, die am Samstagmorgen da sind, obwohl sie es nicht müssten.
Und Vertrauen zwischen Firmen entsteht nicht durch Verträge. Es entsteht, wenn der andere weiß, was du nicht tun wirst, auch wenn du es könntest.
Einen eigenen Fehler vor der ganzen Mannschaft zugeben: Stärke oder Risiko?